Der Gezeitenwald – Dunkelherz“ von Carmen Schneider 

Es ist noch Luft nach oben

Die siebzehnjährige Kayla kommt, nachdem sie durch einen Verkehrsunfall ihre Eltern und ihre Schwester verloren hat, zu ihrer Großmutter Hedwig. Diese lebt ziemlich abgelegen in einem großen Haus am Waldrand. Kayla war das letzte Mal mit etwa fünf oder sechs Jahren bei ihr zu Besuch und nun soll sie hier ihr neues Zuhause finden. Doch auch wenn es im Haus seltsame Regeln zu beachten gibt, fühlt sie sich bei ihrer Grandma sofort wohl. Doch bereits in der ersten Nacht wird Kayla von merkwürdigen Träumen heimgesucht. Sie ahnt noch nicht, was für ein magisches Geheimnis ihre Familie umgibt. Gemeinsam mit Desmond versucht sie der Sache auf den Grund zu gehen.

Lieblingszitat:
Gustav: „Verliere nie das Vertrauen! Nicht in die, die dich hier umgeben, und nicht in dich selbst!“

Das Cover hat mich sofort angesprochen und alle Elemente spiegeln den Inhalt des Buches sehr gut wieder. Auch die Farben sind sehr harmonisch aufeinander abgestimmt.
Sehr gefallen hat mir auch die Gestaltung der einzelnen Kapitel. Die wunderschönen Zitate, die von Hans Christian Andersen, Antoine der Saint-Exupéry und vielen anderen, zusammen mit den Zeichnungen über jedem Kapitel stehen, harmonieren perfekt mit der Geschichte.

Der Schreibstil von Carmen Schneider ist sehr lebendig und angenehm zu lesen.
Trotzdem habe ich mich zu Beginn schwer damit getan, in die Geschichte hineinzufinden und vor allem mit Kayla warm zu werden.
Kayla versinkt, verständlicherweise, erstmal für mehrere Tage in ihrer Trauer und hielt sich komplett ein. Doch dann zwingt ihre Grandma sie, aufzustehen und nach vorne zu schauen.
Die Autorin hat hier ein gutes Gespür bewiesen. Sie hat Kayla die nötige Zeit gelassen um ins Leben zurück zu finden und das Tempo aus der Geschichte herausgenommen.

Doch teilweise ist Kayla mir etwas zu gutgläubig und ich hatte Probleme, ihre Handlungen nachzuvollziehen.
Sehr schnell hat sie bemerkt, dass der Vorratsraum mehr ist, als nur ein Aufbewahrungort für Eingemachtes Obst. Doch auf Nachfragen erhält sie von ihrer Großmutter nur kryptische Antworten und lässt sich damit abspeisen. Sie nimmt, meiner Meinung nach, alles viel zu schnell hin. Auch das Verbot, nach Sonnenuntergang das Haus zu verlassen, akzeptiert sie ohne weiteres.
Ihre Großmutter Hedwig ist eine sehr sympathische Frau, die Kayla in ihren Handlungen immer wieder bestätigt. Doch sie zeigt mir zu wenig Emotionen. Sie hat schließlich auch Menschen verloren, die ihr wichtig waren, doch ich konnte ihre Trauer darüber nicht spüren.
Desmond blieb für mich als Figur leider zu blass. Er ist bei Hedwig aufgewachsen, aber scheinbar hat er keine Freunde und war nie auf einer Schule. Warum ist er von Gustav unterrichtet worden? Den Grund dafür habe ich nicht erkennen können.
Schade fand ich auch, dass der Liebesgeschichte keinen Raum gelassen wurde. Irgendwann küssen sich die Beiden plötzlich und ich dachte nur…ups…hast du irgendwas verpasst?! 
Wir lernen die Propagonisten im Laufe der Geschichte nur sehr wenig kennen.
Am Ende erfahren wir warum das so ist, doch etwas mehr Tiefe hätte dem Plot gut getan.

Carmen Schneider hat mich mit ihrem ausdrucksstarken und bildhaften Schreibstil immer wieder gepackt. Sie versteht es, dass Geschehen sehr detailliert in Szene zu setzen und die Elemente aus der Märchenwelt gekonnt in die Geschichte einzuflechten.
Ich hatte das Haus, den Wald und die magische Welt immer deutlich vor Augen.
Das Erzähltempo empfand ich als angenehm. Man steuert nicht ständig auf einen dramatischen Höhepunkt zu, aber das braucht diese Geschichte auch nicht.
Ich mag es eigentlich gerne, wenn ich Kopfkino bekomme, eigene Vermutungen anstellen kann und Raum für Spekulationen habe. Ich denke, dass die Autorin das auch erreichen wollte, aber teilweise war es mir dann doch zu viel Rätselraten und etwas zu wenig Fantasy.
Am Ende überschlagen sich die Ereignisse und alles geht sehr schnell und komprimiert vonstatten. Das hätte gerne etwas ausführlicher sein dürfen.
Es gibt zwar keinen fiesen Cliffhanger, aber ich bleibe mit etlichen offenen Fragen zurück.
Diese werden mir hoffentlich im zweiten Teil beantwortet.
Der erste Teil erhält von mir gute 3,5 von 5 Sternen.

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